reflections

Meine Familie, die Religion und ich.

 Nicht schwanger, Typ abgeschossen, Leben ordnen.

Jetzt geht's weiter. Manchmal komme ich mir vor wie in einem Film. Ehrlich. Mein Leben würde sich lohnen verfilmt zu werden. Eltern nicht verheiratet, Vater Alkoholiker und im Knast gesessen wegen nicht bezahlte Alimente für meine Schwester, die ich nicht kenne. Meinen Vater kenne ich übrigens auch nicht wirklich. Zwei oder drei Mal in meinem Leben gesehen. Davon die erste Begegnung in Lübeck, wo er mir doch tatsächlich vorschlug mich neben seinen nackten Körper zu legen, weil er ja immer nackt schlafe, und ich könne es ihm ja gleich tun (Meschugge, dieser Mann.), weil kein Zug mehr zurück nach Hamburg fuhr. Ein anderes Mal dachte er, dass er mich mit seinen Saufkumpanen (es waren alt eingesessene Punks) besuchen kommen könne. Natürlich ohne eine vorherige, angemAnkündigung des Besuchs. "Wir sind schon unterwegs zu dir und sind in ca. 2 Stunden bei dir. Freust du dich schon?", hieß es nur knapp am Telefon. Oh, sureprise! Mitten in der Woche. Eine Horde feierwütige, immer lauter werdenden Punks würden mitten in der Nacht und während der Woche vor meiner Tür schellen und um Asyl bitten. Ob ich mich da freuen sollte?  Das wäre ja alles nicht so tragisch gewesen, wenn sich diese Leute in meiner Wohnung benommen hätten. Der eine war so besoffen, dass er den Weg zum Klo nicht mehr gefunden hatte und sich deshalb an meinem Küchenschrank erleichterte. DAS war eine Sauerei, kann ich dir sagen. Dann überall ihre Bierdosen und Zigarettenkippen. Hinzu kam, dass ich zu dieser Zeit eine an mir versuchte Vergewaltigung zu verkraften hatte und der Typ um meine Wohnung schlich. Ich wusste, dass mein Vater sich von mir Halt wünschte, dass ich ihn auffange bei seinen Problemen, aber das konnte ich damals nicht. Dazu war ich nicht imstande. Ich hätte einen Vater gebraucht, der mich in dieser Situation beschützt und keinen Möchtegernhelden, der nix für mich tut. Ich stand Ängste aus, die mit Worten nicht bzw nur unzureichend zu beschreiben sind.  Ich hab mich im Grund und Boden geschämt und inständig gehofft, dass die Nachbarn nicht die Polizei rufen...  Ich musste sie wegschicken, es war mir alles damals zu viel! Seit dem Tag habe ich nie wieder was von ihm gehört. Ich habe mal versucht seinen Bruder ausfindig zu machen. Das ist mir auch gelungen durchs Telefon. Leider wollte er nichts von mir wissen. Wozu solle das denn gut sein, wollte er wissen. Ja, wozu denn auch. Ich kenne meine Wurzeln ja nicht, aber ja, wozu soll ich auch was über mich und über diese Familie erfahren wollen? Ist ja nur mein Leben und meine Wurzeln. Also, wozu sollte ich denn überhaupt etwas wissen wollen, woher ich komme?! Was für ein Idiot....

Meine Mutter - eigentlich auch einen eigenen Film wert: Von ihren Eltern zu autoritär erzogen und misshandelt, abgerutscht in die Drogenszene, Therapie und Entzug erfolgreich nach mehreren Versuchen geschafft, dann aber davon eine Psychose davon getragen und in die Alkoholsucht rein. Ihre sechs Kinder entzogen, eines davon von den Großeltern, als noch kein Suchtproblem außer den Zigaretten bestand, aber das wurde früher nicht als Problem gesehen. Bevormundet durch den Staat. Sie konnte nie wieder in ihr geliebtes Land Israel zurückkehren, wo sie eine Zeit lang lebte. Ich, ich wuchs bis zu meinem 13 LJ bei meinen Großeltern auf. Meine Mutter war zu Lebzeiten eine sehr religiöse und sehr bescheidene Frau. Sie konnte sich stets an Kleinigkeiten erfreuen. Dinge, die für andere selbstverständlich waren. Ich habe sie sehr selten mit einer Hose gesehen. Und wenn, dann nur deswegen, weil ihre Eltern sie damit drangsalierten.  Ich kenne sie eigentlich nur mit Rock und langärmeligen, selten T´Shirts langen Oberteilen. Nie offenherzig gekleidet, immer lange Röcke und eine Zeit lang auch nur mit einem Kopftuch, was in den Augen meiner Mutter als anständig gekleidet galt.  Auch für uns Kinder war es ihr ein inniges Anliegen, dass wir stets anständig gekleidet durch die Gegend liefen und zu G-tt beteten. Ich als Mädchen immer mit einem Rock oder einem Kleid, natürlich langärmelig und ohne Ausschnitt. Aber Oma wollte das nicht. Meine Oma war und ist das komplette Gegenteil von ihr. Meiner Mutter war es immer wichtiger gewesen, dass ich in Religion statt in Mathe und Co meine eins als Note bekam. Meine Mutter hatte sehr gegen ihre Eltern wegen ihrer religiösen Einstellung und ihres religiösen Kleidungsstils kämpfen müssen.  Sie wurde bis zu ihrem Lebensende nie so akzeptiert, wie sie war. Meine Oma trug stets nur Hosen, hohe Schuhe und kurze, gefärbte Haare. Sie betonte immer ihre weibliche Figur und war immer auf Diät. Meine Oma ohne Diät ist unvorstellbar.

 

Während ich diese Zeilen schreibe, weine ich bittere Tränen. 

Ich bin dankbar für alles, was mir meine Mutter mit auf meinem Weg gegeben hat, aber ich wünschte, dass ich ihr das hätte noch sagen und zeigen können. Sie hat leider nie erfahren können, dass ich sie sehr geliebt habe. Hätte ich das Wissen schon damals gehabt über psychische Krankheiten und über so vieles mehr, hätte ich wahrscheinlich ein echt gutes Verhältnis zu ihr gehabt. Aber das hatte ich leider nicht. Mit Schuld sind ihre Eltern, also meine Großeltern. Für sie spielte Religion lange kein Thema, zumindest sprachen sie nicht groß darüber. Als Kind hatte ich Angst gehabt meinen Glauben zu G-tt offen meinen Großeltern zu zeigen, weil ich dachte, dass ich dann auch in eine Psychiatrie muss, wo man gegen meinen Willen handelt und ich Elektroschocks und Medikamente, die einem weh tun, kriege. Ich wurde nicht darüber aufgeklärt, was meine Mutter nun eigentlich genau hat, was das genau ist, eine Psychose. Mir wurde gesagt, dass der Glaube an G-tt die Krankheit sei. Eine sehr schreckliche Sache.

 

Heute kenne ich den Unterschied zwischen einer Psychose und dem religiösen Glauben an G-tt. Beides ist nicht dasselbe. Nur, weil man an G-tt glaubt, muss man nicht zwangsläufig an einer Psychose leiden. 

Heute weiß ich, dass es keine Krankheit ist seinen Glauben an G-tt offen zu leben, aber dass es nach wie vor nicht einfach ist in einer Gesellschaft, die  überwiegend nicht an einen G-tt glaubt, diesen Glauben auch mit voller Überzeugung ausleben zu können. Dabei geht es mir nicht um Missionierung oder darum, wer nun die bessere, ja, die "einzig" wahre Religion hat. Nein. Es geht mir darum Akzeptanz zu erfahren. Und nein, ich selbst bin nicht psychisch krank. Ich bin eine sehr rationale, bodenständige und praktisch veranlagte Frau ohne Psychose und Co.

 Es tut mir gerade sehr gut diese Zeilen zu schreiben. Sie haben etwas Befreiendes, etwas Heilsames.  

Ich habe meinen Glauben jahrelang in mir verborgen gehalten. Aber ich sage dir eins: Mir ist mein Glaube zu G-tt so wichtig und heilig wie die Luft zum atmen. Er ist für mich Identität. Übrigens tue ich deswegen niemandem weh oder andere schlimme Dinge. Ich bin kein Terrorist und sprenge auch niemanden in die Luft. Ich missionere nicht und gehe mit meinem Glauben auch niemanden auf die Nerven.

 

20.3.16 23:24

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